IHHT bei Long-COVID: Hypoxietraining bei Fatigue und Erschöpfung
- Sascha Bade

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Erschöpfung und geringe Belastbarkeit gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Long-COVID. IHHT könnte über gezielte Hypoxiereize den Energiestoffwechsel und die Sauerstoffverwertung beeinflussen.

Inhaltsverzeichnis:
Viele Menschen fühlen sich auch Wochen oder Monate nach einer COVID-19-Infektion noch erschöpft und wenig belastbar. Schon ein Spaziergang, der Haushalt oder ein Arbeitstag können deutlich mehr Kraft kosten als früher. Hinzu kommen häufig Konzentrationsprobleme, Atemnot oder längere Erholungszeiten.
Ein Ansatz bei solchen Beschwerden ist das Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Training, kurz IHHT. Das Hypoxietraining setzt gezielte Sauerstoffreize um körpereigene Anpassungsprozesse anzuregen. Besonders im Zusammenhang mit Long-COVID und chronischer Erschöpfung wird diese Methode zunehmend wissenschaftlich untersucht.

Was ist IHHT?
Beim IHHT atmen Sie über eine Maske abwechselnd Luft mit weniger und anschließend mit mehr Sauerstoff. Die sauerstoffarme Phase ähnelt den Bedingungen in größerer Höhe. Danach folgt eine Phase mit erhöhtem Sauerstoffangebot.
Dieser Wechsel wird während einer Sitzung mehrfach wiederholt. Eine Behandlung dauert häufig etwa 30 bis 40 Minuten und wird meist als Serie über mehrere Wochen durchgeführt.
Das Besondere daran: Die Behandlung erfolgt normalerweise entspannt im Sitzen oder Liegen. Sie müssen also kein klassisches Höhentraining absolvieren. Der Trainingsreiz entsteht durch die veränderte Zusammensetzung der Atemluft.
Warum kann Long-COVID zu starker Erschöpfung führen?
Warum manche Menschen nach einer COVID-19-Infektion über Monate unter Erschöpfung leiden, ist noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielen mehrere Prozesse gleichzeitig eine Rolle.
Diskutiert werden unter anderem anhaltende Entzündungsreaktionen, Veränderungen des vegetativen Nervensystems und Störungen bei der Verarbeitung und Nutzung von Sauerstoff. Auch die Energieproduktion innerhalb der Zellen könnte beteiligt sein.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Mitochondrien. Sie werden häufig als Kraftwerke unserer Zellen bezeichnet, weil sie einen großen Teil der Energie produzieren, die Muskeln, Gehirn und Organe benötigen.

Wie wirkt Hypoxietraining auf Mitochondrien und Energiestoffwechsel?
Kurze, kontrollierte Phasen mit weniger Sauerstoff sind für den Körper ein Anpassungsreiz. Dabei werden verschiedene Signalwege aktiviert, die beeinflussen, wie unsere Zellen mit Sauerstoff und Energie umgehen.
Zu diesen Mechanismen gehört unter anderem der sogenannte HIF-1α-Signalweg. Er ist an Anpassungen an eine verminderte Sauerstoffversorgung beteiligt. Darüber hinaus können Hypoxiereize Prozesse beeinflussen, die mit der Neubildung und Qualität von Mitochondrien zusammenhängen.
Auch die Sauerstoffverwertung im Gewebe und die Versorgung der Muskulatur können sich an wiederholte Hypoxiereize anpassen.
Vereinfacht gesagt soll der Organismus lernen, mit wechselnden Sauerstoffbedingungen effizienter umzugehen.
Warum könnte IHHT bei Long-COVID interessant sein?
Gerade diese Wirkmechanismen machen IHHT für Menschen mit Long-COVID interessant.
Wenn Erschöpfung und geringe Belastbarkeit unter anderem mit Veränderungen des Energiestoffwechsels und der Sauerstoffverwertung zusammenhängen, könnten gezielte Hypoxiereize einen sinnvollen Trainingsimpuls darstellen.
Möglicherweise kann IHHT dabei helfen,
die Sauerstoffverwertung zu verbessern,
den Energiestoffwechsel zu unterstützen,
Anpassungsprozesse der Mitochondrien anzuregen,
die körperliche Belastbarkeit zu verbessern und
regulierend auf das vegetative Nervensystem einzuwirken.
Diese möglichen Zusammenhänge erklären, warum Hypoxietraining bei Long-COVID und Fatigue zunehmend in den Blickpunkt rückt.
Was sagt die Forschung zu IHHT bei Long-COVID?
Die wissenschaftliche Datenlage zur IHHT bei Long-COVID ist noch überschaubar. Inzwischen gibt es jedoch erste klinische Untersuchungen, die Hinweise darauf liefern, dass das Verfahren die Rehabilitation und Belastbarkeit bestimmter Patientengruppen unterstützen könnte.
Eine 2024 veröffentlichte kontrollierte Pilotstudie von Doehner und Kollegen untersuchte 145 Menschen mit Long-COVID, die aufgrund deutlich eingeschränkter körperlicher Belastbarkeit an einer stationären Rehabilitation teilnahmen. 70 Teilnehmende erhielten zusätzlich zum üblichen Rehabilitationsprogramm eine IHHT, 75 Personen absolvierten ausschließlich die Standardrehabilitation.
Die IHHT wurde dreimal pro Woche durchgeführt. Dabei wechselten Phasen mit sauerstoffärmerer Atemluft mit Phasen erhöhter Sauerstoffkonzentration.
Nach Abschluss der Rehabilitation hatte sich die Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest in beiden Gruppen verbessert. In der IHHT-Gruppe fiel der Zuwachs mit durchschnittlich rund 92 Metern jedoch deutlich größer aus als in der Vergleichsgruppe mit etwa 33 Metern. Auch bei weiteren Parametern wie Treppensteigen, Atemnot, Fatigue und gesundheitsbezogener Lebensqualität zeigten sich Vorteile zugunsten der IHHT-Gruppe. Während der Studie wurden keine durch die IHHT verursachten unerwünschten Ereignisse beobachtet.
Die Ergebnisse sind interessant, müssen jedoch vorsichtig interpretiert werden. Die Untersuchung war eine Pilotstudie, die Teilnehmer wurden nicht zufällig den Gruppen zugeteilt und sowohl Patienten als auch Behandler wussten, welche Therapie durchgeführt wurde. Zudem fand die IHHT eingebettet in ein umfangreiches stationäres Rehabilitationsprogramm statt. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit Long-COVID oder auf eine ambulante IHHT-Behandlung übertragen.
Eine weitere 2025 veröffentlichte Untersuchung betrachtete 199 Menschen mit Post-COVID-Beschwerden, die ein individuell gesteuertes intermittierendes Hypoxietraining erhielten. Nach sechs Wochen zeigte sich im Durchschnitt eine Verbesserung verschiedener Bereiche der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Bei nachuntersuchten Teilnehmern waren einige dieser Veränderungen auch nach sechs Monaten noch nachweisbar. Auch Schmerzen nahmen im Studienverlauf ab.
Allerdings handelte es sich hierbei um eine offene Kohortenstudie ohne vergleichbare Kontrollgruppe. Dadurch lässt sich nicht sicher feststellen, welcher Anteil der beobachteten Verbesserungen tatsächlich auf das Hypoxietraining zurückzuführen war.

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Long-COVID, Fatigue und PEM: Warum nicht jede Erschöpfung gleich ist
Erschöpfung gehört zu den häufig beschriebenen Beschwerden bei Long-COVID. Dabei ist jedoch wichtig zu unterscheiden: Fatigue und Post-Exertional Malaise, kurz PEM, sind nicht dasselbe.
Fatigue bezeichnet eine ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfung, die sich durch normale Ruhephasen häufig nicht vollständig bessert. Betroffene berichten beispielsweise, dass alltägliche Tätigkeiten deutlich mehr Kraft kosten als vor der Erkrankung und ihre körperliche oder geistige Belastbarkeit eingeschränkt ist.
Bei einer Post-Exertional Malaise (PEM) kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Bereits vergleichsweise geringe körperliche, geistige oder auch emotionale Belastungen können zu einer deutlichen Verschlechterung der Beschwerden führen. Diese Reaktion muss nicht unmittelbar auftreten. Typischerweise können sich die Symptome erst Stunden oder am folgenden Tag verstärken und anschließend mehrere Tage anhalten.
Möglich sind dabei nicht nur stärkere Erschöpfung, sondern beispielsweise auch eine Zunahme von Konzentrationsproblemen, Schmerzen, Schlafstörungen oder anderen bestehenden Long-COVID-Symptomen. Deshalb ist das klassische Prinzip, die Belastung schrittweise immer weiter zu steigern, bei Menschen mit PEM nicht grundsätzlich geeignet.
Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt bei einer belastungsabhängigen Symptomverschlechterung ein angepasstes Energiemanagement, häufig als Pacing bezeichnet. Körperliches Training sollte bei Fatigue vorsichtig und symptomorientiert erfolgen und insbesondere dann eingesetzt werden, wenn keine post-exertionale Symptomverschlechterung vorliegt.
Was bedeutet das für IHHT?
Auch bei einer IHHT sollte deshalb nicht allein die Diagnose Long-COVID darüber entscheiden, ob und wie intensiv die Anwendung durchgeführt wird. Entscheidend ist vielmehr, wie belastbar der einzelne Mensch ist und wie sein Körper auf Belastungsreize reagiert.
Gerade bei ausgeprägter Fatigue oder Hinweisen auf PEM ist eine vorsichtige individuelle Einschätzung sinnvoll. Die bisherige Forschung zur IHHT bei Long-COVID liefert zwar erste interessante Ergebnisse hinsichtlich Belastbarkeit und funktioneller Erholung, beantwortet aber noch nicht ausreichend, welche Patientengruppen besonders profitieren und wie IHHT bei ausgeprägter PEM zu bewerten ist.
IHHT sollte daher bei Long-COVID nicht als pauschales Trainingsprogramm verstanden werden. Vielmehr kommt es darauf an, mögliche Belastungsgrenzen zu berücksichtigen und die Anwendung individuell an die jeweilige Situation anzupassen.
Für wen kann Hypoxietraining infrage kommen?
IHHT kann besonders für Menschen interessant sein, bei denen nach einer COVID-19-Infektion weiterhin Erschöpfung, reduzierte Belastbarkeit oder verlängerte Erholungszeiten bestehen.
Ob Hypoxietraining im individuellen Fall sinnvoll ist, hängt jedoch von den Beschwerden, der körperlichen Belastbarkeit und möglichen Begleiterkrankungen ab.
Eine vorherige gesundheitliche Einschätzung und eine individuell gesteuerte Anwendung sind deshalb sinnvoll.
IHHT als Teil eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts
Long-COVID ist ein komplexes Krankheitsbild. Eine einzelne Therapie wird deshalb nicht für jeden Menschen die Lösung sein.
IHHT kann jedoch ein interessanter Baustein innerhalb eines umfassenderen Behandlungskonzepts sein. Je nach Beschwerden können beispielsweise Bewegungstherapie, Atemtraining, Schlafoptimierung, Ernährung, Stressregulation oder die Abklärung möglicher Mikronährstoffdefizite ergänzt werden.
Der Vorteil eines solchen Ansatzes liegt darin, nicht nur ein einzelnes Symptom zu behandeln, sondern verschiedene Faktoren zu berücksichtigen, die Erholung und Belastbarkeit beeinflussen können.
Häufige Fragen zu IHHT bei Long-COVID
Wie fühlt sich eine IHHT-Behandlung an?
Während der Behandlung liegen Sie entspannt und atmen über eine Maske. Die Veränderungen des Sauerstoffgehalts in der Atemluft werden meist nicht unmittelbar als „weniger Sauerstoff“ wahrgenommen. Manche Menschen berichten während der Hypoxiephase über Wärmegefühl, leichte Müdigkeit oder eine veränderte Atmung. Wie intensiv die Behandlung empfunden wird, ist individuell unterschiedlich.
Wird die Sauerstoffsättigung während des IHHT überwacht?
Bei einer professionell durchgeführten IHHT-Anwendung werden wichtige Werte wie die Sauerstoffsättigung und der Puls während der Behandlung kontrolliert. Dadurch kann die Intensität des Hypoxiereizes an die individuelle Reaktion angepasst werden.
Kann IHHT Nebenwirkungen haben?
IHHT wird mit kontrollierten Hypoxiereizen durchgeführt, kann aber dennoch vorübergehende Beschwerden auslösen. Möglich sind beispielsweise Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit oder Unwohlsein. Treten Beschwerden auf, sollte die Intensität angepasst oder die Anwendung beendet werden.
Wann sollte IHHT nicht oder nur nach vorheriger Abklärung durchgeführt werden?
Nicht für jeden Menschen ist Hypoxietraining gleichermaßen geeignet. Vor allem bei relevanten Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen sowie bei anderen schwerwiegenden oder instabilen Erkrankungen sollte vor Beginn geprüft werden, ob IHHT sinnvoll und sicher durchführbar ist. Welche Einschränkungen gelten, hängt außerdem vom eingesetzten Gerät und Behandlungsprotokoll ab.
Was unterscheidet IHHT vom klassischen Höhentraining?
Beim klassischen Höhentraining hält man sich tatsächlich in größerer Höhe auf oder trainiert in einer Umgebung mit reduziertem Sauerstoffgehalt. Beim IHHT wird dieser Reiz über die Atemluft erzeugt, während Sie entspannt sitzen oder liegen. Dadurch lässt sich der Hypoxiereiz gezielter steuern, ohne dass gleichzeitig eine körperliche Trainingsbelastung erforderlich ist.
Literatur und weiterführende Quellen
Doehner W, Fischer A, Alimi B, et al. Intermittent Hypoxic-Hyperoxic Training During Inpatient Rehabilitation Improves Exercise Capacity and Functional Outcome in Patients With Long Covid: Results of a Controlled Clinical Pilot Trial. Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle. 2024;15(6):2781–2791. doi: 10.1002/jcsm.13628.
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Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S1-Leitlinie Long/Post-COVID. Registernummer 020-027, Version 4.1, Stand 30.05.2024.



